Der folgende Text ist der Internetseite der Vereinigung
der Waldorf-kindergärten e.V. entnommen. Wir danken Herrn
Stranz (Geschäftsführer der Vereinigung der Waldorfkindergärten
e.V. Region Nordrhein-Westfalen) für die Genehmigung der
Veröffentlichung auf unserer Internetseite.
Das Menschenbild der Anthroposophie, das der Waldorfpädagogik
zugrunde liegt, sieht den Menschen gegliedert in Leib, Seele und
Geist. Der pädagogische Umgang orientiert sich ganzheitlich
an dieser Dreiheit des Menschen, an den vier Wesensgliedern und
an den Entwicklungsstadien des Menschen. Zu diesem Menschenbild
gehört auch der Gedanke von Reinkarnation und Karma, das
ist vielleicht der wesentlichste Unterschied zur traditionellen
Pädagogik.
Die geistige "Substanz" des Menschen ist unsterblich,
sie lebt und entwickelt sich in neuen Inkarnationen weiter. Der
Mensch ist für sein Schicksal selbst verantwortlich und hat
die Aufgabe, es hier auf der Erde zu gestalten.
Die Begegnung mit dem Kind wird besonders für den Erzieher
zur Frage der Selbsterziehung, denn er soll dem Kind je nach Entwicklungsstand
als Vorbild, Autorität oder Gegenüber dienen. Für
den Pädagogen steht die Frage im Vordergrund: "Wie kann
ich dem Kind helfen, seine eigene Individualität zu entdecken
und zu entfalten?". Um dem Kind dabei helfen zu können,
ist die eigene Weiterentwicklung des Pädagogen Voraussetzung.
Rudolf Steiner hat dafür einen Schulungsweg beschrieben.
Es gibt jedoch kein festgelegtes Programm in der Waldorfpädagogik,
jeder Pädagoge ist aufgefordert, aus eigener Verantwortung
die Erziehung der Kinder zu gestalten.
Das Grundprinzip der Waldorfpädagogik: Nachahmung
Zu den Kräften, welche bildsam auf die physischen Organe
wirken, gehört die Freude an und mit der Umgebung. Heitere
Minen der Erzieher und vor allem redliche, keine erzwungene Liebe.
Solche Liebe, welche die physische Umgebung warm durchströmt,
brütet im wahren Sinne des Wortes die Formen physischer Organe
aus. Wenn die Nachahmung gesunder Vorbilder in solcher Atmosphäre
der Liebe möglich ist, dann ist das Kind im richtigen Element.
Was passiert, wenn Sie mit einem 4-jährigen Kind an einer
Gruppe singender, tanzender Menschen vorbei kommen? - Das Kind
bleibt stehen, guckt und tanzt mit. Oder Sie gehen an einer Baustelle
vorbei und der Bagger hebt gerade ein tiefes Loch aus, das Kind
bleibt stehen, schaut und nimmt die Bewegungen in sich auf. Zu
Hause spielt es diese Szene nach, mit welchen Mitteln auch immer.
Kinder haben ein tiefgreifendes Interesse an den Vorgängen
der Welt und eine große Freude oder Befriedigung daran,
diese Vorgänge nachzuahmen. Die Sinneseindrücke und
deren Verarbeitung bilden das Gehirn des Menschen aus und legen
damit die Grundlage für geistige und seelische Fähigkeiten.
Im weitesten Sinne kann man sagen, man veranlagt die Disposition
für Gesundheit und Krankheit (Störungen) im späteren
Leben.
Liebe und Freude sind die Prinzipien, die immer in der Erziehung
vorhanden sein sollten, im sogenannten "ersten Jahrsiebt"
eines Kindes sind sie besonders wichtig. Der Erwachsene ist in
dieser Zeit das Vorbild. Alles, was dem Kind vorgelebt wird, nimmt
es auf und verinnerlicht es.
Die grundlegenden menschlichen Fähigkeiten wie Gehen und
Sprechen lernt das Kind durch die Nachahmung. Für alles Lernen
ist Beziehung, Freude und Bewegung wichtig. Im Kindergarten erleben
die Kinder den sinnvoll tätigen Erwachsenen, der seine Tätigkeiten
so einrichtet, dass die Kinder diese Tätigkeiten durchschauen
und mit vollziehen können. Dies wirkt ordnend auf die Gefühls-
und Gedankenwelt des Kindes. In seinem Spiel werden die verinnerlichten
Eindrücke wieder nach außen gebracht und so verarbeitet.
Im Spiel findet eine Verknüpfung von motorischen, sozialen
und gedanklichen Prozessen statt und fördert damit die Vernetzung
im Gehirn (sensorische Integration). Der "Erkenntnisweg",
dem das Kind im ersten Jahrsiebt folgt, ist Handeln - Fühlen
- Denken. Deshalb sind die Kinder über eine Tat, über
ihren Willen ansprechbar und nicht durch Ermahnungen oder Belehrungen,
die nur den Intellekt des Kindes ansprechen. So nimmt das Kind
nicht nur äußere Handlungen über die Nachahmung
auf, sondern unsere Mitmenschlichkeit unserer Umgebung gegenüber.
Dies bildet später die Grundlage für eigenes verantwortliches
und moralisches Handeln.
Gesamtkonzeption der Pädagogik
Rudolf Steiners Erziehungsmotto fasst er selbst in folgenden
Worten zusammen: "Das Kind in Ehrfurcht empfangen, in Liebe
erziehen und in Freiheit entlassen." Die Erziehung zur Freiheit
ist ein hohes Ideal und es bedarf einer genauen Kenntnis der kindlichen
Entwicklung, damit dieses Ziel Realität werden kann.
In den ersten sieben Jahren ist das Kind noch ganz damit beschäftigt,
die Welt und sich selbst kennenzulernen. Es ist die Phase des
größten körperlichen Wachstums (mit zwei Jahren
hat das Kind die Hälfte seiner endgültigen Körpergröße
erreicht.). Für dieses Wachstum und die Reifung seiner Organe
braucht es viele Lebenskräfte. Diese Kräfte regenerieren
sich in einem rhythmischen Tagesablauf, in dem sich Phasen der
Aktivität mit Phasen der Ruhe regelmäßig abwechseln.
Feste Tageszeiten für das Essen und Schlafen und eine gewisse
gleichbleibende Struktur des Tages geben dem Kind Sicherheit und
helfen ihm, seinen eigenen Rhythmus zu finden. Wenn sich jeden
Tag der vertraute Ablauf wiederholt, kann das Kind abends einschlafen
in der Gewissheit, dass Morgen alles wieder seine Ordnung hat.
Im Waldorfkindergarten erleben die Kinder auch eine Strukturierung
der Woche durch eine spezielle Prägung der einzelnen Wochentage
(siehe Menüpunkt "Alltag im Kindergarten").
Kinder erleben die Vorgänge in der Natur im Wechsel der
Jahreszeiten bewusst und unbewusst mit. Dies kann auch für
den Erwachsenen eine Hilfe bedeuten, neu und ganz bewusst die
Naturvorgänge zu betrachten und zu erleben und einen neuen
Zugang zu den Jahresfesten zu finden. In den Jahresfesten finden
die Kinder zu ihrer natürlichen Religiosität. Das Feiern
der Jahresfeste kann in jeder Familie eine eigene Tradition und
Verbundenheit schaffen, die oft ein Leben lang trägt. Mit
jeder Jahreszeit und mit jedem Alter sind ein bestimmter Erzählstoff,
spezielle Märchen und Geschichten verbunden. Lieblingslieder
oder spezielle Festtagsessen können in den späteren
Jahren noch einmal die Kindheitserinnerungen wach werden lassen.
Die Feste sind eine Gelegenheit, den Menschen in seiner Dreiheit
(Körper, Seele und Geist) anzusprechen.
Das Spiel der Kinder ist in ihrer fröhlichen, lauten oder
besinnlichen Art eine wichtige und ernste Angelegenheit. Das Spiel
ist in seiner Bedeutung der Arbeit des Erwachsenen gleichzusetzen.
Es ist wichtig, die Kinder in ihrem Freispiel zu beobachten und
zu bemerken, wann das Kind Hilfe oder Anregung für sein Spiel
braucht. Es gibt einige Faktoren, die man beachten muss: Hat das
Kind die Möglichkeit und genügend Raum (räumlich
und zeitlich) zu spielen? Wie wirkt das Spielzeug, dass das Kind
zur Verfügung hat? Kann das Kind in dem Spiel seine Gefühle
und Wahrnehmungen wiedergeben?
Das Spiel des Kindes sollte schöpferisch und frei sein.
Das Spielzeug sollte ihm viel Raum für die eigene Phantasie
lassen. Im Spiel wollen die Sinne des Kindes angeregt werden,
es will mit Händen und Füßen die Welt ergreifen
und begreifen können. Je einfacher das Spielmaterial ist,
desto vielfältiger ist es zu verwenden: Kastanien können
die Kartoffeln im Kaufmannsladen sein aber ebenso sind sie das
"Granulat", das der Schneepflug ausstreut oder sind
der Schatz, den die Seeräuber finden müssen. Spieltücher
sind in seiner Vielfältigkeit wohl unerreicht.
In der Raumgestaltung sollten die Kinder Klarheit und Ordnung
und außerdem wohliges Geborgenheitsgefühl erleben.
Denn nur aus der Geborgenheit heraus kann das Kind schöpferisch
tätig werden.
Ähnliches gilt für die äußeren Hüllen
des Kindes, die Kleidung. Sie sollte dem Kind genügend Bewegungsfreiheit
lassen und sich weich und angenehm anfühlen. Die Farben und
die Muster sollten so zurückhaltend sein, dass die Individualität
des Kindes zum Ausdruck kommen kann.
Die Kleidung hat die Aufgabe zu wärmen, aber auch Schweiß
aufzunehmen, die Haut atmen zu lassen. Für kleine Kinder
ist Wolle vorteilhaft, da sie Feuchtigkeit nach außen transportiert.
Angesichts zunehmender Allergien sind Naturfasern zu empfehlen,
die keine oder möglichst wenig Schadstoffe und chemische
Stoffe aus Herstellung und Reinigung enthalten.
Bei der Ernährung schließlich sollte man ebenfalls
auf Qualität und Ausgewogenheit achten, den Menschen in seiner
Gesamtheit ansprechen und Einseitigkeiten vermeiden.
s. auch: "Waldorfkindergarten
- Grundlagen und Grundanliegen des Waldorfkindergartens"
von Dr. Wolfgang Saßmannshausen.
Literatur:
Rudolf Steiner: Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkt
der Geisteswissenschaft, 1992, ISBN 3-7274-5059-2 , Rudolf Steiner
Verlag
Rudolf Steiner: Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkt
der Geisteswissenschaft, 2003, ISBN 3-7274-5260-9 , Rudolf Steiner
Verlag. Kompakte und leicht verständliche Darstellung der
geistigen Grundlagen der Waldorf-Pädagogik.
Arne Klingborg: Erziehung zur Freiheit, 2005, ISBN 3-7725-1619-X
, Verlag Freies Geistesleben & Urachhaus & Aethera GmbH
Wolfgang Saßmannshausen: Waldorf-Pädagogik
im Kindergarten, 2003, 3-4512-8063-9 , Herder Verlag
Johannes Kiersch: Die Waldorfpädagogik: Eine Einführung
in die Pädagogik Rudolf Steiners. 2007, 3-7725-2165-7, Verlag
Freies Geistesleben
Freya Jaffke: Spielen und arbeiten im Waldorfkindergarten.
2004, 3-7725-0384-5, Verlag Freies Geistesleben